Eine unvergessliche Reise

Jahrelang hatte ich insgeheim davon geträumt, diese Idee zu verwirklichen, und war mir aber nie sicher, ob ich die Möglichkeit jemals haben würde.

Im Laufe der Jahre ist es mir sehr wichtig geworden, die großen Khmer Feiertage vor Ort in Kambodscha zu verbringen. Feiertage sind in jeder Kultur festlich und bedeutungsvoll, doch für unsere Studierenden können diese Anlässe auch schwierig sein, da viele von ihnen keine Familie im traditionellen Sinn haben, mit der sie die Feiertage verbringen können, oder auch kein Zuhause, zu dem sie zurückkehren können. Oftmals reisen ihre Universitätsfreund:innen und Arbeitskolleg:innen in ihre Heimatdörfer, um dort mit ihren Lieben zu feiern, während unsere Studierenden diese Momente allein verbringen.

Da unsere Organisation für viele unserer Student:innen und Begünstigten nach und nach zu einer Art „gefundenen Familie “ geworden ist, habe ich es mir zur Priorität gemacht, wann immer es mein Job in Wien zuließ, während der Pchum Ben Feiertage nach Kambodscha zu reisen. Pchum Ben ist ein wichtiger Feiertag, an dem die Ahnen geehrt und traditionelle Zeremonien und Gebete in den örtlichen buddhistischen Pagoden abgehalten werden. Mit der Zeit wurde es für uns zu einer Tradition, diese Tage gemeinsam zu verbringen, und viele unserer Student:innen verlassen sich darauf, dass ich unsere Besuche in den Pagoden plane und jedes Jahr ein großes Familienessen organisiere.

Während sich die Pchum Ben Feiertage, wie bereits erwähnt, hauptsächlich um die Vorfahren und die Verstorbenen drehen, ist das kanbodschanische Neujahrsfest im April ein vergleichsweise viel unbeschwerteres Fest. In den Wochen vor den Feiertagen finden im ganzen Land zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen Büros, Unternehmen, Universitäten und Schulen oft ihre eigenen Festlichkeiten veranstalten. Überall werden traditionelle Spiele gespielt, darunter Zielschießen, verschiedene Fangspiele, Wettbewerbe mit verbundenen Augen und Tauziehen.

Die größeren Universitäten bauen Bühnen auf und veranstalten Konzerte mit diversen Aufführungen, die von traditionellen Apsara-Tänzen und Khmer-Boxvorführungen bis hin zu Auftritten von den beliebtesten Sänger:innen und Rapper:innen von heute reichen. Darüber hinaus finden die öffentlichen „Sangkrant“-Feierlichkeiten statt, Straßenfeste mit Musik, Tanz, Wasserschlachten und ausgelassenen Babypuder-Schlachten.

Für die kambodschanischen Familien, die es sich leisten können, ist eine Reise nach Siem Reap zum Khmer New Year eine geschätzte Tradition. Dort befinden sich die meisten der alten Tempel des Angkor Königreichs, die während der Feiertage für die Bevölkerung kostenlos zu besuchen sind und eine immense kulturelle und spirituelle Bedeutung besitzen. Alle unsere Studierenden und unterstützen Familien stammen jedoch aus extrem armen Verhältnissen, viele sind verwaist und müssen im Alltag zahlreiche Herausforderungen überwinden. Reisen und “Urlaub” sind ein Privileg und Luxus, von dem Menschen in Armut oft nur träumen können. Und obwohl alle unsere Student:innen auf den Fotos, die wir auf unseren Social Media Plattformen teilen, glücklich und gesund aussehen, ist dies allein der Unterstützung von Organisationen wie unserer zu verdanken, die sich um ihr Wohlergehen kümmern.

Daher hatte die überwiegende Mehrheit unserer Studierenden noch nie die Gelegenheit gehabt, Angkor Wat, das ikonische Wahrzeichen, das jährlich Millionen internationaler Touristen anzieht und Symbol des wertvollen kulturellen Erbes des Landes ist, mit eigenen Augen zu sehen.

Es war daher mein Traum, eines Tages alle unsere Student:innen zu einer besonderen Reise nach Siem Reap einzuladen, damit sie diese wunderschönen Tempel einmal selbst bestaunen konnten. Und dieses Jahr wurde dieser Traum endlich Wirklichkeit.

Nach monatelanger Planung und mehreren intensiven Arbeitswochen vor Ort in Kambodscha im April begann unsere große Reise zum Khmer New Year am 14. April. Obwohl nicht alle unsere Begünstigten teilnehmen konnten, aufgrund von Arbeit, Studium oder gesundheitlichen Gründen, waren wir am Ende doch eine Gruppe von 65 Personen. Die Organisation einer Reise für so viele Menschen bedeutete für mich, einen Bus, einen Van und praktisch ein ganzes Hotel für vier Tage zu mieten.

Unsere Gruppe war überglücklich, diese Reise anzutreten, und die Atmosphäre war vom ersten Moment an voller Euphorie. Wie jeder Bus in Kambodscha war auch unserer mit Mikrofonen und Lautsprechern ausgestattet, mit denen wir unsere Handys verbinden konnten. So konnten wir während der gesamten sechsstündigen Fahrt von Phnom Penh nach Siem Reap Karaoke singen, tanzen und uns gegenseitig unterhalten.

Nach dem Einchecken in unser Hotel, das, sehr zur Freude unserer Kinder, auch einen Pool hatte, nahm ich unsere Gruppe mit zu einem All-you-can-eat-Buffet. Anschließend teilte sich die Gruppe auf: Einige kehrten ins Hotel zurück, um zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Pool zu schwimmen oder den dringend benötigten Schlaf nachzuholen, während andere an den ersten von vielen öffentlichen Sangkrant-Wasserschlachten und -Konzerten teilnahmen.

Am 15. April, unserem ersten vollen Tag in Siem Reap, holten uns zwei Tourguides in drei Minivans ab, um den ganzen Tag Tempel zu erkunden. Unser erster Halt war der Bayon-Tempel, ein ikonisches Meisterwerk aus dem 12. Jahrhundert und eines der unvergesslichsten Wahrzeichen Kambodschas.

Bekannt für seine 216 Steingesichter, die von mehreren Türmen herabblicken, ist wirklich jede einzelne Ecke des Bayon Tempels unglaublich beeindruckend. Mit über 11 Millionen kunstvollen Wandbildern, die in die Mauern eingearbeitet sind, könnte man endlose Tage an diesem Ort verbringen und immer wieder neue Details entdecken.

Als Nächstes besuchten wir den atemberaubenden Ta Prohm Tempel, eine historische Stätte aus dem 13. Jahrhundert. Nach Jahrhunderten, in denen die Anlage weitgehend unberührt blieb, hat sich die Natur den Boden zurückgeholt und sich in den Tempelruinen verwoben. Mächtige Baumwurzeln umschlingen uralte Steine, und ganze Baumstämme ragen hoch über die Dächer des Tempels hinaus und schaffen einen wahrhaft surreale und unvergessliche Anblick. Es war ein bezaubernder Ort für unsere Gruppe, und eine unglaubliche Kulisse für wunderschöne Fotos.

Natürlich wäre keine Tempeltour vollständig ohne einen Besuch bei der wohl berühmtesten Sehenswürdigkeit von allen: Angkor Wat.

Angkor Wat ist der größte religiöse Tempelkomplex der Welt und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Er hat eine tiefe spirituelle Bedeutung für die kambodschanische Bevölkerung und ist sogar auf der Landesflagge abgebildet – die einzigen Flagge, die ein Gebäude zeigt. Diese Stätte am wichtigsten Feiertag des Jahres besuchen zu können, war etwas ganz Besonderes und einer der Hauptgründe, warum ich diese Reise unbedingt machen wollte. Es war definitiv ein ebenso besonderes als auch emotionales Erlebnis für unsere Gruppe, und wir verbrachten den gesamten Nachmittag in der Tempelanlage, um so viel wie möglich zu erkunden. Ganz abgesehen von den Fotos, und abgesehen von der atemberaubenden Schönheit, ging es bei diesem Besuch vor allem darum, eine Verbindung zur Geschichte und Kultur des Landes unserer Gruppe herzustellen, ihnen gleichzeitig zu ermöglichen, sich mit ihren Wurzeln zu verbinden, über die Errungenschaften ihres Landes zu reflektieren und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu stärken.

Obwohl dies bereits eine überwältigende Menge neuer Eindrücke für unsere Studierenden war, konnte ich es mir nicht verkneifen, sie zu einem Buffet-Abendessen mit einer wunderschönen Apsara-Tanzvorführung einzuladen. Der Apsara-Tanz zählt zu Kambodschas wertvollsten künstlerischen Traditionen. Jeder Tanz erzählt Geschichten aus der Khmer Folklore und wird mit unterschiedlichen Kostümen, aufwendigen Choreografien und Musik untermalt.

Unsere Gruppe waren sichtlich fasziniert, denn sie erlebten zum ersten Mal eine professionelle Apsara-Aufführung und konnten den Blick während der gesamten Vorstellung nicht von der Bühne abwenden.

Später am Abend freuten sich unsere erwachsenen Student:innen, an einem weiteren Sangkrant-Konzert teilzunehmen und bis spät in die Nacht beim Auftritt eines kambodschanischen DJs zu tanzen.

An unserem dritten Tag begleitete uns ein weiterer kambodschanischer Tourguide, der uns auf eine etwas Reise abseits der Angkor Tempel mitnehmen wollte, um die lokale Kultur und Küche zu entdecken. Erster Halt war der Tempel Preah Enkosei, die älteste bekannte Tempelanlage Kambodschas, deren Ursprünge bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts zurückreichen. Dieser Besuch war deshalb ganz besonders, weil sich neben den Ruinen auch eine neue Pagode befand. Dort konnte unsere Gruppe die Neujahrssegen empfangen, Dankbarkeit ausdrücken, beten und gemeinsam das neue kambodschanische Jahr willkommen heißen.

Anschließend besuchten wir das Dorf Preah Dak, wo wir aus nächster Nähe alles über die Herstellung von Palmsaft und Palmkuchen lernen konnten. Diese Palmkuchen, bekannt als Num Akao Tnaot, sind gedämpfte Kuchen, die ganz regional und bekannt für dieses Bundesland sind. Unsere Student:innen freuten sich natürlich sehr, diese köstlichen, mit frischen Kokosraspeln bestreuten Süßwaren gleich vor Ort zu probieren.

Nach einem entspannten Picknick am West Baray, einem antiken Wasserreservoir, endete unsere Tour bei der Artisans Angkor Silk Farm. Dort erlebte unsere Gruppe eine ganz besonders lehrreiche Führung über die alte Kunst der kambodschanischen Seidenherstellung vom Anfang bis zum Ende.

Unser Guide führte uns durch jeden einzelnen Schritt des Prozesses, von der Zucht und dem Schlüpfen der Seidenraupen über die Ernte der Seidenkokons bis hin zum Weben und Färben und schließlich der Herstellung des fertigen Kleidungsstücks in Handarbeit. Die Seidenfarm „Artisans Angkor“ ist nicht nur ein wunderschöner Ort, der der Bewahrung von Tradition und Handwerkskunst gewidmet ist, sondern auch ein kleines Unternehmen, das Arbeitsplätze für junge Kambodschaner:innen aus ländlichen Gebieten schafft.

Unsere Gruppe genoss den Besuch sehr und war fasziniert davon, mehr über die kambodschanische Handseide zu erfahren, ein weiterer wunderschöner Aspekt ihrer eigenen Kultur, den sie bisher noch nie selbst hautnah erleben konnten.

Nach diesem ereignisreichen Tag wollte ich unserer Gruppe etwas Zeit zum Durchatmen und Entspannen geben, bevor wir uns schließlich wieder trafen, um die letzte Nacht des Khmer New Years auf den Straßen von Siem Reap zu feiern. Diesmal besuchten wir ein DJ-Set auf der größten Bühne der Stadt, wurden bei den öffentlichen Wasserschlachten klatschnass und unsere Gesichter mit buntem Babypuder beschmiert. So konnten unsere Student:innen für eine letzte Nacht den Sorgen und Herausforderungen des Alltags entfliehen.

An unserem letzten Tag, bevor wir Siem Reap verließen, besuchten wir das neu errichtete„Art for Peace“ Kunstwerk. Diese Initiative entstand als Antwort auf den eskalierenden Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha im Jahr 2025. Über 60 Künstler haben sich zusammengetan, um ein wunderschönes Wandgemälde im Herzen der Stadt zu schaffen. Das Kunstwerk spiegelt die verheerenden Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung wider und zeigt Szenen von Verlust, Leid und Widerstandskraft.

Es war für unsere Gruppe sehr emotional, dieses einzigartige Kunstwerk mit eigenen Augen zu betrachen. Am wichtigsten war jedoch das gemeinsame Erinnern daran, dass die Kambodschaner:innen stets für Frieden und Geminschaft stehen.

Bevor wir unsere Heimreise antraten, machten wir einen letzten Halt im Angkor Wonder Garden, einer wunderschönen Gartenanlage etwas außerhalb von Siem Reap mit Cafés, Blumen und viel Platz zum Entspannen. Unsere Studierenden verbrachten den Nachmittag damit, unzählige Fotos zu machen, gemeinsam zu lachen und mit kleinen Golfcarts über das Gelände zu fahren. So endete die Reise mit purer Freude und weiteren unvergesslichen Erinnerungen.

Rückblickend fühlten sich diese vier Tage in Siem Reap wie ein Fiebertraum an. Als ich mit der Planung dieser Reise für 65 Personen im Alter von drei Monaten bis über sechzig Jahren begann, drei Reiseleiter, zwei professionelle Fotografen und mehrere Fahrer engagierte und ganze Restaurants mietete, um sicherzustellen, dass wir jederzeit gut versorgt waren, hätte ich mir niemals vorstellen können, dass alles so reibungslos verlaufen würde. Bei einer so großen Gruppe mit vielen kleinen Kindern und Jugendlichen und älteren Menschen aus ländlichen Gebieten, die noch nie die Welt außerhalb ihrer Dörfer im Süden Kambodschas gesehen hatten, war meine größte Sorge, dass sich jemand verirren oder verletzen könnte. Glücklicherweise war keine dieser Sorgen ebrechtigt, und die einzige Last, die wir spürten, war die Erschöpfung und der Schlafmangel, die wir alle bis zum vierten Tag entwickelten.

Ich bin unendlich glücklich und dankbar, dass wir diese Erfahrung als gefundene Familie teilen konnten. Es war wirklich ein einmaliges Erlebnis, das jedes einzelne Mitglied unserer Gruppe für immer in Erinnerung behalten wird.

Und obwohl ich froh bin, dass ich diese erste Reise ermöglichen konnte, hoffe ich zugleich sehr, dass dies nicht die letzte Reise unserer Student:innen nach Siem Reap war.

Anmerkung: Diese Reise wurde komplett privat und unabhängig finanziert; es wurden keine Spendengelder für jegliche Aktivitäten verwendet.